Übung macht den Meister? Jein…

In der Musik ranken sich viele Mythen, weitverbreitete Glaubenssätze, die allgemeinen als Wahrheit angenommen und kaum hinterfragt werden. Im Grunde ist da ja auch nichts Verkehrtes dran, wenn Musik und Musizieren einen gewissen Ruf hat, ein gewisses Flair.
Es tauchen aber immer wieder Falschannahmen und damit Falschaussagen auf, bei denen sich mir die Zehennägel aufrollen.

Nicht weil ich so ein Pedant bin (ja ich weiß, ich bin Einer ;-), das ist hier aber nicht der Grund), sondern weil sie ganz konkret Menschen schaden. Ich will garnicht wissen, wieviele Menschen schon in ihrer Musik zurückgesteckt haben, nur weil sie so einem Mythos, einer Lüge auf den Leim gegangen sind.

Wieviele begabte Menschen haben akzeptiert, dass sie niemals Profimusiker werden können, obwohl sie es gerne würden. Wieviele Instrumentalisten haben akzeptiert, dass sie nie über ein bestimmtes Level kommen, obwohl es tatsächlich sehr wohl möglich wäre.

Ich kenne diese destruktiven Glaubenssätze und höre sie immer wieder. Manche habe ich schon in Artikeln behandelt, auf andere werde ich später noch eingehen.
Heute geht es um einen Satz, der soweit erstmal logisch klingt, der mit seiner Wirkung aber oftmals zufolge hat, dass gerade Menschen mit wenig Zeit aufgeben bevor sie angefangen haben.

Übung macht den Meister!

Rein formal ist der Satz korrekt, ohne Übung passiert nämlich garnichts. Das Problem ist vielmehr, was der Satz für die Meisten bedeutet, nämlich: Viel Übung macht den Meister.

Die „Legende“ besagt, dass man, um ein erfolgreicher Musiker zu werden, so um die 6 Stunden am Tag üben muss. Vier gehen auch noch grade so, drei vielleicht auch aber alles darunter geht garnicht klar. In dem Fall betreibt man seine Musik besser als Hobby, mehr wird eh nicht funktionieren.

Was stimmt, ist, dass viel Übung durchaus einen positiven Einfluss auf die musikalische Entwicklung haben kann. Viel üben ist prinzipiell eher besser als wenig üben. Und hier kommt das große Aber:

Die Anzahl der Übungsstunden ist unwichtig, nahezu lächerlich unwesentlich im Vergleich mit der Qualität der Übestunden.​

Es ist viel wichtiger wie du übst, als wie lange du übst. Wenn du die effektivsten Übemethoden nutzt, kannst du Fortschritte für die du sonst drei Stunden bräuchtest, in einer halben Stunde schaffen!

Ich meine das durchaus ernst. Die intuitive Methode, nach der Viele üben (besonders Musiker, die keinen professionellen Lehrer haben/hatten) ist in den allermeisten Fällen kontraproduktiv.

Ganze Songs üben, langsam anfangen und dann steigern, Fingerübungen etc. haben ihre Daseinsberechtigung, können aber in den allermeisten Fällen, durch wesentlich effektivere Methoden ersetzt werden.

Schnell neue Songs lernen

Ich habe vor einigen Tagen mit einem Freund telefoniert, der sich innerhalb relativ kurzer Zeit mehrere Coversongs für seine Band draufschaffen musste. Als kompletter Autodidakt, der niemals einen Lehrer hatte, machte er das auf die Art, die ihm intuitiv richtig erschien.

Er nahm sich einen Song vor, stellte ihn auf Dauerschleife und spielte ihn so gut es ging mit. Das machte er so oft, bis er den Song soweit einigermaßen spielen konnte. Das konnte dann auch schonmal bis vier Uhr morgens dauern und perfekt lief der Song immernoch nicht.

Das heißt, dass er ihn am nächsten Tag nochmal und dann nochmal und nochmal üben musste, um ihn (wenn überhaupt) perfekt hinzubekommen. Vielleicht kommt dir die Situation bekannt vor, vielleicht übst du sogar selbst nach der Methode und fragst dich, was daran falsch sein soll.

Natürlich ist daran nichts „falsch“, du kannst prinzipiell üben wie du willst. Wenn du gerne auf die Art übst, ist das durchaus ok. Es ist nur einfach nicht effektiv und darum geht es hier ja ;-).

Du kannst das schon so machen, aber dann ist es halt scheiße.

Es gibt bei einem Song im Grunde nur zwei Dinge zu lernen: Die Form und den Inhalt.

1. Form: Die Reihenfolge der verschiedenen Parts, also den Ablauf des Songs
2. Inhalt: Die einzelnen Basslinien innerhalb der jeweiligen Parts

Da macht es Sinn, diese auch getrennt zu behandeln. Also nicht Part hinter Part den ganzen Song durchspielen, sondern zuerst die Struktur erkennen. Hör dir also den Song von vorne bis hinten an und analysiere ihn nach seiner Struktur. Dabei stellst du dir folgende Fragen:

  • Wieviele unterschiedliche Parts hat der Song?
  • In welcher Reihenfolge werden sie gespielt?

Meistens findest du Strophe, Refrain, eine Bridge und eventuell noch einen Cpart. Das ist gut zu wissen. Sobald du nämlich die Struktur, also die Form des Songs weißt, kannst du dich genauer um den Inhalt kümmern.

Jetzt nimmst du dir einen Part vor und fängst an ihn zu üben, ob nach Gehör, Noten oder Tabs ist hier erstmal irrelevant. Aber auch den spielst du nicht im Loop hintereinander weg. Warum?

Die Essenz effizienten Übens

Die Essenz effizienten Übens ist das Üben von kleinstmöglichen Einheiten, das können manchmal sogar nur zwei Noten sein. Lass mich das an einem Beispiel veranschaulichen.

Stell dir vor du bist Baseballspieler. Deine Performance beim Spiel setzt sich aus ganz bestimmten Handlungen, und damit Fähigkeiten, zusammen.
Es wird nie der Fall eintreten, dass all deine Fähigkeiten komplett ausgeglichen sind. Da du aber versuchst umfassend trainiert zu sein, stärkst du immer jeweils die Fähigkeit, die bei dir am schwächsten ausgeprägt ist. Das heißt: Du übst das, was du nicht kannst.

Angenommen du bist ein erstklassiger Sprinter, aber triffst den Ball nie, wirst du explizit und ausschließlich das Schlagen üben. Was du definitiv nicht machen wirst, ist, einmal zu schlagen und dann eine Runde um den Platz rennen, bevor du ein zweites mal schlägst. Das ist einfach nicht effizient.

Verstehst du was ich damit sagen will? Angenommen es gibt in einem Song eine schwierige Stelle, die du so erstmal nicht hinbekommst, ist es wesentlich sinnvoller genau diese eine winzigkleine Stelle immer wieder und wieder zu üben, statt den Song im Loop durchlaufen zu lassen und zu warten bis du wieder dein Glück versuchen kannst (um den Platz rennen).

So kannst du deine Schwachstellen in einem Bruchteil der Zeit um ein Vielfaches besser trainieren. Das macht doch Sinn oder?

Und so schließt sich der Kreis zur langen Übezeit. Wenn du in kurzen Einheiten genau die Sachen übst und lernst, die dich am meisten weiterbringen, machst du hundertmal mehr und schneller Fortschritte, als wenn du viele Stunden einfach nur irgendwie rumübst.

Viel Übung macht also nicht den Meister, gute Übung macht den Meister. Und die muss so viel garnicht sein.

Was ist mit dir? Übst du schon schlagen oder rennst du noch um den Platz? Hinterlasse einen Kommentar unter dem Artikel, wie du dazu stehst.

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