Meine akribische Methode zum einfachen Finden von Grundtönen

Hier geht es um das Gehör. Was brauchen wir Bassisten nämlich als allererstes, bevor irgendetwas anderes passiert? Richtig. Den Grundton! Heute will ich dir eine Methode zeigen, mit der du Grundtöne sehr einfach selbst heraushören kannst. Und zwar nicht auf die alte try and error Methode, sondern mit Struktur und Hand und Fuß.

Die intuitive Herangehensweise von vielen Leuten ist es, den kompletten Song abzuspielen und wild und scheinbar völlig wahllos alle Töne auf dem Griffbrett reinzuknallen und zu hoffen, dass zufällig irgendetwas gut klingt.

Superverständlich, so habe ich das auch lange Zeit versucht und es kann auch funktionieren. Dann nämlich, wenn jemand schon so ein gutes Gehör hat, dass er sehr schnell erkennt welche Töne passen und welche nicht.

Für alle anderen ist diese, ich sag mal, „Methode“ eher nicht zielführend, sondern vielmehr unzufriedenstellend und frustrierend.

Kein Wunder, wenn man dann anfängt an sich und seinem Talent zu zweifeln. Ich selber hatte sogar so einen großen Klemmer damit, dass ich das Raushören irgendwann komplett außen vor gelassen und mich nur noch auf Technik und Musiktheorie konzentriert habe (was ein grauenvoller Fehler war. Kreativitätskiller!)

Für alle, die die Situation kennen oder denen es vielleicht sogar ähnlich geht, wie mir damals, habe ich die entspannende Nachricht:

Es gibt Wege, wie jeder lernen kann Songs rauszuhören, die Akkorde, Melodien und Tonleitern zu erkennen. Auch du.

Wenn du nämlich noch nicht so weit bist aus dem Stehgreif in einen Song einzusteigen und mitzuspielen ist das nicht nur keine Schande, sondern ganz normal!

Für den Fall gibt es bestimmte Methoden. Methoden, die dir zum Einen helfen die Töne eines bestimmten Songs zu erkennen und zum Anderen dein Gehör, ganz nebenbei, dahingehend schulen, dass du irgendwann tatsächlich in der Lage bist, in einen fremden Song einzusteigen und sofort mitzuspielen!

Hier will ich dir eine Methode zeigen, die ich oft in meinem Bassunterricht anwende und die ebenso oft zu ungläubiger Verwirrung führt.

Nicht weil sie so kompliziert ist, sondern ganz im Gegenteil: Weil sie lächerlich einfach ist. Man muss einfach nur wissen wie sie funktioniert und kann ohne große Vorkenntnisse anfangen Songs rauszuhören.

Eine systematische Herangehensweise

Ich habe weiter oben die intuitive, chaotische „Methode“ erwähnt. Der steht hier ein ganz strenger, akribischer, meinetwegen sogar pedantischer Weg entgegen.

Einer der dafür aber tatsächlich funktioniert.

Wir suchen uns eine Stelle im Song raus, die wir raushören wollen. Ob das jetzt die Strophe oder der Refrain oder was auch immer ist, bleibt dir überlassen.

Wichtig ist nur, dass du weißt wie das Schema aufgebaut ist, also:
Wieviele Takte werden gespielt, bevor sich das Akkordschema wiederholt?

Schritt 1

Jetzt geht der penible Teil los. Hör dir den ersten Takt an und probiere auf dem ersten Schlag alle möglichen Töne aus.

Das heißt nicht, dass du alle vier Saiten mit allen 24 Bünden ausprobieren sollst, sondern jeden Ton nur einmal, und es gibt ja nur elf Töne bevor sich das Ganze wiederholt.
Benutze dafür die Töne auf der G-Saite vom nullten bis zum zwölften Bund.

Die G-Saite deshalb, weil hohe Töne vom Prinzip her viel besser mit anderen Tönen zusammenklingen als Tiefe. Tiefe Töne klingen oft mumpfelig und undeutlich und lassen sich garnicht genau ausmachen, da sind hohe Töne viel besser geeignet.

Im Bereich vom nullten bis zum zwölften Bund sind tatsächlich alle existierenden Töne enthalten und so viel ist das garnicht!

Lass also den Track laufen und spiele auf den ersten Schlag des ersten Taktes das G.
Klingt das eher harmonisch oder disharmonisch? Passt der Klang der Saite an der Stelle in den Sound des Songs?

Wenn du den Eindruck hast, dass der Ton an der Stelle passt, schreib ihn dir auf. Du wirst ihn später nochmal genauer überprüfen. Klingt er schräg und disharmonisch, vergiss ihn einfach und mach weiter.

Vertrau deinen Ohren! Was richtig klingt, ist auch richtig. So funktioniert Musik nämlich.

Hast du den ersten Ton (also das G) hinter dir, probier das Gleiche mit dem nächsten Ton auf der G-Saite (dem G#). Warte dazu wieder auf den ersten Schlag des ersten Taktes und spiele deinen Ton wieder genau auf die Eins.

Sei nicht zaghaft, sondern spiele ihn so, als ob du sicher wärst, dass er passt. So fällt dir viel deutlicher auf ob er gut klingt oder nicht.

Passt der Ton, schreib ihn dir auf, passt er nicht, vergiss ihn wieder. Du darfst dabei gerne auch erstmal ein bisschen großzügiger sein. Wenn du dir also nicht ganz sicher bist, ob der Ton passt, schreib ihn dir ruhig einfach mit auf ohne lang rumzueiern.

Wie gesagt, du nimmst die Töne hinterher eh nochmal genauer unter die Lupe.

Verfolge die Methode weiter, bis du alle Noten der G-Saite bis zum zwölften Bund ausprobiert hast. Du wirst dann jetzt eine kleine Liste mit ca. zwei bis fünf passenden Tönen für den ersten Akkord haben.

Los gehts zur genauen Überprüfung, zur Verifizierung sozusagen.

​Schritt 2

Die Töne, die du jetzt rausgehört hast, gehören aller Wahrscheinlichkeit nach zum erklungenen Akkord, mindestens aber zur passenden Tonleiter.

Das ist aber unwichtig, wir wollen ja weder den Akkord, noch die Tonleiter, sondern vor allem den Grundton wissen. Welcher ist von deiner Auswahl aber der Grundton und wie findest du das raus?

Dafür musst du vor allem wissen, was den Grundton ausmacht. Der Grundton eines Akkords hat einen ganz bestimmten Klang, den du bestimmt schnell erkennst und verstehst.

Während Akkordtöne meist eine gewisse Emotion transportieren oder irgendeine Art von Botschaft, legt der Grundton das Fundament dafür.

Wenn du den Grundton hörst, weißt du, du bist zuhause.
Er ist die Badewanne, das Federbett, der „place to be“, die Basis, das Grund „ding“ irgendwie, schwer zu erklären…

Ich glaube aber, dass du ihn mit der folgenden Herangehensweise erkennen wirst.

Was du als nächstes tun musst, ist, die hohen Töne, die du herausgefunden hast, in einer möglichst tiefen Tonlage wieder zu finden.

Hat also das G gut geklungen, benutzt du jetzt das G im dritten Bund auf der E-Saite, hast du ein H herausgefunden, benutzt du das tiefe H auf dem zweiten Bund der A-Saite usw…

Jetzt spielst du den Song wieder ab und probierst jeweils auf dem ersten Schlag des ersten Taktes nacheinander deine tiefen Töne aus.

Immer einen. nach. dem. anderen.

Hetz dich nicht, mach ganz in Ruhe und überspringe keinen Schritt.

Du erinnerst dich: weiter oben habe ich gesagt, das hohe Töne im Prinzip besser mit Anderen zusammenklingen, als Tiefe. Das machen wir uns jetzt zunutze.

Dadurch, dass du nämlich jetzt (und zwar bitte voller Elan!) die Tiefen Töne reinhaust, wirst du sehr schnell merken, welche Töne (eher) nicht so riiiichtig dolle passen und welcher der absolute Joker ist.

Unter all deinen herausgefundenen Tönen verbirgt sich nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit der Ton, der eine Ton, der im ersten Takt, auf dem ersten Akkord, auf dem ersten Schlag einfach passt, wie Arsch auf Eimer.

Wenn du ihn hörst, wirst du wissen, dass er es ist. Die Basis, das Fundament etc… du wirst es bestimmt merken.
Probiere alle Töne aus und lass dich überraschen, welcher letztlich der Grundton ist. Wenn du ihn hast, geht es weiter.

​Schritt 3

Wiederhole die Schritte für alle Takte. Warte also als nächstes auf den ersten Schlag von Takt zwei und probiere darauf das hohe G aus, dann das G#, dann das A und so weiter bis zum zwölften Bund deiner G-Saite.

Schreib dir wieder die harmonischen Töne auf und überprüfe sie hinterher in einer möglichst tiefen Tonlage.
Mach das ebenso für alle anderen Takte des Parts, den du ausgewählt hast.

Vielleicht wirkt die Methode ein bischen trocken und langwierig aber du Kannst mir glauben: Im Gegensatz zum chaotischen, wilden Herumgesuche überall auf dem Griffbrett funktioniert sie zuverlässig!

Ich wende sie immer wieder im Unterricht mit meinen Schülern an und sie klappt einfach. Damit können selbst Leute ohne Vorerfahrung oder irgendwie geschultes Gehör zügig Grundtöne heraushören.

Darüber hinaus ist es eine hervorragende Übungen um später Grundtöne auch so, das heißt rein nach Gehör, zu erkennen.
Die Methode funktioniert deshalb so gut, weil nichts dem Zufall überlassen wird.

Du gehst einfach stur und penibel Schritt für Schritt vor.

Nochmal kurz zusammengefasst:
Such dir einen konkreten Part aus, dessen Grundtöne du heraushören willst.
Benutze nacheinander die Töne der G-Saite um passende Töne herauszufinden.
Überprüfe die Töne, indem du sie in einer tiefen Tonlage ausprobierst.
Wiederhole die Schritte für alle Takte.

Voila, schon hast de alle Grundtöne rausgehört. Viel Spaß beim Üben.

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2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Das klingt einleuchtend.
    Meine Methode ist zwar eine andere aber deine ist wahrscheinlich die einfache.
    Ich orientiere mich meist am Gitarristen. Was spielt er für Akkorde, welcher ist der jeweils tiefste Ton meistens ist das dann“mein“ Grundton. Das stimmt zwar nicht immer aber doch sehr oft. Das macht dann abermeistens nichts, weil ich sehr gerne Töne der parallelen Molltonart spiele. OK, das ist dann natürlich meine ganz persönliche kreative Interpretation des jeweiligen Songs, macht aber viel Spaß, weil der bekannte Song ganz plötzlich irgendwie anders klingt.
    Leider gibt es Musiker, die noch nie von parallelen Molltonarten gehört haben und diese Töne als „falsch“ empfinden. Banausen gibt es halt überall.
    Grüssle
    Christoph

    1. Hi Christoph,

      Das Coole an der Methode ist, dass du ganz nebenbei auch die Akkordtöne rashörst (Schritt 1). Wenn du die weißt, hast du die Möglichkeit im Spiel zu variieren und musst nicht immer nur mit dem Grundton bedienen.
      Ich finde, wenn etwas für jemanden falsch klingt, dann hat das durchaus seine Berechtigung. Unsere Zuhörer sollen ja nicht erst Musiktheorie lernen müssen, bevor sie unsere Musik hören dürfen ;-).

      Schöne Grüße,
      Denis

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