Der Nachmittag an dem ich mir die Hand versaute

Ich will dich vorwarnen. Dieser Artikel ist außergewöhnlich lang und sehr persönlich. Wenn es dir nur um schnelle Basstipps geht, solltest du hier aufhören zu lesen.

Auch wenn es leicht fällt sich im Internet immer ganz perfekt darzustellen, so wie man eigentlich gerne wäre, ist klar, dass es niemand von uns ist. Ich natürlich auch nicht.

Meine Webseite sieht gut aus, ich lächle immer nett in die Kamera und schreib manchmal ganz brauchbare Artikel. Auf Facebook versuche ich dich zu motivieren und poste regelmäßig Zitate und Bilder, die dir helfen sollen, ins Tun zu kommen und deine Ziele zu verfolgen.

Das kann schnell so aussehen, als ob ich selbst ein sehr geradliniger Typ bin, bei dem alles wie am Schnürchen läuft und der keine Probleme mit seinem Musikeralltag hat.

Heute will ich dir eine Geschichte erzählen, die das Gegenteil beweist. Eine Geschichte, die ich mich lange nicht getraut habe, überhaupt irgendjemandem zu erzählen. Aus Unsicherheit und Angst, nicht mehr als richtiger Musiker wahrgenommen zu werden.

Das ist die Geschichte von dem Nachmittag, an dem ich mir das Handgelenk versaute

Seit Anfang meiner Bassistenlaufbahn war ich sehr ehrgeizig. Ich weiß nicht warum, vielleicht hatte ich das Gefühl meiner Familie oder sonst irgendjemandem etwas beweisen zu müssen. Vielleicht war es auch der Drang, selbst Rockstar zu werden und in Stadien vor zehntausenden Leuten zu spielen.

Es war mir jedenfalls sehr früh klar (nach ca. 2 Jahren und ziemlich direkt nach dem Abitur), dass ich Berufsmusiker werden wollte.

Ich hatte eine Band mit Freunden, die schon ewig zusammen spielten und entsprechend gut an ihren Instrumenten waren. Unsere gemeinsame Leidenschaft war Progressive Rock und Metal, sprich: unheimlich schnelle, unheimlich komplizierte, unheimlich schwierige Musik, die ein hohes Maß an technischen Fähigkeiten voraussetzte.

Wenn du mich ein bisschen kennst, weißt du wie ich es liebe Herausforderungen anzugehen und zu bestehen. So habe ich mich also, als quasi Anfänger, voll und ganz in diese Band, und damit, die technischen Anforderungen reinbegeben.

Zu der Zeit hatte ich selbst noch nie Bassunterricht genommen, also hatte ich keine Ahnung von Lernen und Üben und, was für diese Geschichte besonders wichtig ist, von der richtigen Körperhaltung beim Bass spielen.
Wenn ich geübt habe, habe ich mich einfach irgendwohin gefläzt, den Bass auf den Schoß genommen und los ging das.

In Kombination mit meinem Ehrgeiz und meinen Zielen, ergab das eine gefährliche Mischung.
Eines Nachmittags ist dabei folgendes passiert: Ich übte mehr als gut für mich war, über sechs Stunden am Stück und ausschließlich Technik. Das auch noch in einer extrem ungünstigen Pose.

Ich bekam Schmerzen im linken Handgelenk, die ich ignorierte und spielte einfach weiter drauf los.
Als Jugendlicher hatte ich noch nicht daran gedacht, dass ich mich auch (ernsthaft) verletzen könnte.

Was dann passierte, ist aus meiner heutigen Sicht sonnenklar. Ich bekam so starke Schmerzen im linken Handgelenk, dass ich es weder irgendwie beugen konnte, noch meine Finger auseinander kriegte, ans Bassspielen garnicht zu denken.

Mein Handgelenk war hart, steif und tat unheimlich weh. Die Hand war nicht zu gebrauchen.

Und das blieb erstmal so.

Mein Ehrgeiz trieb mich dazu trotzdem immer weiter zu machen. Ich war auch noch in anderen Bands aktiv, die alle auf mich zählten und die ich nicht hängen lassen wollte.
Also spielte ich durch die Schmerzen durch, tat mein bestes, so gut wie möglich mitzuspielen.

Dass es manchmal angebracht ist, sich eine Weile zu schonen, war mir damals nicht klar bzw. wollte ich nicht wahrhaben.
Ich hatte noch nie eine ernsthafte Verletzung gehabt und dachte in meinem Jugendlichen Übermut ich wäre „unverwundbar“ oder so etwas in der Art.

Ein paar Proben musste ich trotzdem ausfallen lassen, andere konnte ich nur rudimentär begleiten. Meine Hand erholte sich nach und nach. Es dauerte eine Weile, aber es wurde besser.

Es wurde zwar besser, aber nicht gut.

In normaler, gerader Haltung fühlte sich meine Hand wieder ok an. Wollte ich sie aber in die eine oder die andere Richtung beugen, kamen die Schmerzen wieder. Auch zu weites Spreizen der Finger tat weh.

Nicht nur das. Je mehr ich es versuchte meine Hand auf meine altbekannte Art zu nutzen (ich spielte damals ausschließlich 6-Saiter und hatte eine lausige Technik), desto mehr stellte sich der Dauerschmerz wieder ein.

Immer wieder fiel ich für einige Wochen aus, in denen ich nur sehr wenig bis garnicht spielen konnte.

Langsam dämmerte es mir und das furchtbare Wort „chronisch“ fiel mir ein.
Wie oft hatte ich gehört, dass erfahrenere Musiker rieten: „wenn du nicht aufpasst, kannst du eine chronische Sehnenscheidenentzündung kriegen!“

In den Foren hatte ich es gelesen und immer gedacht, dass mich das nicht betrifft. Jetzt saß ich da, mit einer scheinbar chronischen Verletzung von zu hohen Ambitionen.

Vielleicht kannst du dir vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, als mein Traum vom Berufsmusiker in immer weitere Ferne rückte, je mehr ich den Gedanken zuließ, dass ich diese Schmerzen vielleicht nie mehr loswerden würde. Vor ein paar Wochen noch wollte ich der neue Victor Wooten werden und jetzt konnte ich nichtmal mehr eine einfache Tonleiter spielen!

Aber was konnte ich tun?

Zuerst hoffte ich, dass sich meine Hand schon noch erholen würde, wenn ich ihr nur genug Zeit ließe und sie schonte. Bis zu einem gewissen Grad ging das auch.

Richtiges Beugen klappte trotzdem nicht. So etwas wie z.B. Liegestütze hätte ich mit der Hand so nicht machen können. Jedes mal, wenn ich es übertrieb kam der Schmerz wieder und setze mich für Wochen außer Gefecht.

Ich verfiel in eine Mischung aus Trauer, Angst und Verleugnung und versuchte mich trotz meiner Probleme weiter durchzuschlagen. Meinen Traum aufzugeben war undenkbar für mich, das wäre einem inneren Selbstmord gleichgekommen.

Ich arrangierte mich also mit der Situation. Ich spielte teilweise mit einer Schiene und stellte meine Technik um. Ich ließ meiner Hand mehr Ruhepausen und ließ von allzu akrobatischen Aktionen ab. Immer mit einem tränenden Auge. Eine richtige Lösung war das nie.

Irgendwann ließ es mich nicht mehr los. Es musste doch eine Möglichkeit geben das wieder hinzukriegen! Ich setzte mich also mit der Situation auseinander und suchte Mittel und Wege meine Hand wieder gesunden zu lassen.

Ab da begann eine spannende Reise. Ich kürze sie hier ab, weil sie doch sehr langwierig und verworren war.

Ich ging zu mehreren Ärzten, einem Handchirurg, einer Physiotherapeutin, mehreren Yogalehrerinnen, in einen Kampfsportverein, machte Kraftsport, ging Laufen, setzte mich mit meiner Ernährung auseinander, besuchte einen Hypnobirthing- und einen Antistress Yoga-Workshop, setzte mich mit meiner inneren Anspannung und meiner Wut auseinander, beleuchtete mein Inneres… und was ich noch alles vergessen habe. Mit dem Resultat, dass ich tatsächlich einen Weg gefunden habe, der für mich funktioniert.

Ich habe mein Ziel erreicht: Meine Verletzung schränkt mich nicht mehr in meinem Bassspiel ein! Ich brauche mir keine Sorgen zu machen, ob ich wegen meiner Hand ausfallen könnte und kann selbstsicher jeden Gig annehmen, den ich will.

Ich habe keine Angst um meine Zukunft als Musiker mehr! Bin ich geheilt? Hell no! Aber die andauernden Schmerzen sind weg. Ich habe nicht mehr permanent dieses stechende Gefühl in der Hand, dass mich brutal und rücksichtslos an meine jugendliche Dummheit erinnert.

Sporadisch tut es mal mehr weh, wenn ich meine Hand falsch belastet habe, allerdings nicht so sehr, dass dadurch mein Spiel eingeschränkt wäre. Das war ja das, wovor ich so große Angst gehabt hatte.

Auf meinem heutigen Stand will ich sogar sagen: Ich bin dankbar dafür, dass mir das passiert ist! Ich liebe nämlich meinen Weg, den ich seitdem eingeschlagen habe.

Ich gehe achtsam mit meinem Körper und meinem Innenleben um. Ich erkenne meine Grenzen und wahre sie, körperlich und emotional. Ich habe Wege gefunden mit meinem inneren Druck und meinem Stress umzugehen (Psychosomatik spielt bei mir eine große Rolle).

Ich ernähre mich gesünder, ich treibe regelmäßig und gerne Sport, ich habe die beste Greiftechnik in der linken Hand, die ich jemals bei irgendjemandem gesehen habe.

Ich habe erkannt, dass es beim Bassspielen um den Groove geht, nicht um Akrobatik. Und ich habe verstanden, dass es im Leben darum geht, wie man sich fühlt, nicht um Leistung.

Diesen Weg hätte ich so nicht eingeschlagen, diese Erfahrungen so nicht gemacht, wenn ich mir damals nicht diese Verletzung zugezogen hätte. Daher bedaure ich sie auch nicht.

Trotzdem will ich dir einen Rat geben

Achte auf deinen Körper!

Er ist das einzige, was du wirklich besitzt. Er ist der einzige Ort, an dem du dich immer befindest!

Als Basslehrer sage ich: Achte auf die korrekte Körperhaltung beim Bassspielen. (Lade dir hier meine Anleitung zur gesunden Körperhaltung beim Bassspielen runter!) 

​Aber eigentlich will ich sagen: Halte dich fit, ernähre dich gesund, entspanne und schlafe genügend und mach Yoga. Ja, das alles hilft dir beim Bassspielen!

Und noch einen

Achte auf deinen Geist!

Finde Wege Stress abzubauen oder ihm zu entgehen, setze dich mit deinen negativen Gedanken und Gefühlen auseinander, überprüfe alte Glaubenssätze, lerne zu lieben.

Klingt esoterich? Das ist mir egal.

All das hat Einfluss auf dein Wohlsein, somit Einfluss auf deinen Körper, somit Einfluss auf dein Bassspiel.

Wenn du auf diese Punkte achtest, das wird es dir nicht passieren, dass du dir so eine Verletzung zufügst, wie ich mir. Und wenn doch, kannst du sie auf die Art vielleicht heilen.

Wie siehts bei dir aus? Hast du dir auch schonmal eine Verletzung beim Spielen zugezogen? Wenn ja, was hast du dann gemacht? Schreibe es unten in die Kommentare.

Heute spare ich mir mein obligatorisches „Einfach machen“ und verabschiede mich mal anders als sonst, weil das nämlich viel zu oft viel zu kurz kommt:

Pass auf dich auf und lass es dir gut gehen,

Lade dir jetzt mein Cheatsheet „Effektiv Üben“ herunter und lerne:

effektiv_uben_3d-mini

  • wie du immer ganz genau weißt, was du üben musst, statt „einfach irgendwas“ zu spielen
  • wie du dranbleibst, auch wenn du keine Motivation hast
  • wie du konkret spürbar weiterkommst, jedes Mal, wenn du übst
  • was du wann und wie üben musst, um täglich besser zu werden

+ Extra: Die konkreten Tools und Apps, die ich selbst benutze um so effektiv wie möglich zu üben

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14 Kommentare, sei der nächste!

  1. … der Groove, das timing und die Länge der Noten sind entscheidend! wenn das harmonisch ist, gibt es auch keinen „Stress“ und alles ist klingt auch Gut in Harmonie mit der Band!

  2. hey denis,

    verletzt habe mich durchs bassspiel zum glück noch nie. ich bin ja aber auch kein profi… ist ja hobby und soll spass machen. gerne würde ich aber mehr von dir zu deiner aussage „ich habe die beste Greiftechnik in der linken Hand, die ich jemals bei irgendjemandem gesehen habe“ erfahren. wie sieht das aus, von den fingern zur hand zum handgelenk, arm, schulter…. die tägliche 10 min übung um zu so einer greiftechnik zu kommen?

    lg
    matthias

    1. Hey Matthias,
      Das finde ich auf die Ferne und ohne deine momentane Haltung zu kennen ganz schwer zu erklären. Wenn du willst, können wir uns das mal persönlich anschauen.
      Schöne Grüße.

      1. salüt denis,
        das wird etwas schwierig aufgrund der räumlichen distanz. aber es ging mir nicht um meine haltung oder greiftechnik, sondern um deine. vielleicht hast du ja zeit und lust in einem nächsten blog etwas mehr darüber zu erzählen oder machst sogar ein kleines merkblatt?

        lg

  3. Salut Bass-Coach!

    Ich kann das leider z.Z. gut nachvollziehen. Beim Versuch mit dem Kontrabass anzufangen sagte mir mein Körper recht bald, es zu lassen oder einen Lehrer zu nehmen – ich habe es mal gelassen 🙁

    Anfang dieses Jahres bekam ich ziemlich starke Handgelenksschmerzen links und ging zum Arzt, der ein Karpaltunnelsyndrom diagnostizierte. Ich bezog das auf meinen 6-Saiter-Versuch und den sehr breiten Hals, doch kurze Zeit später begann es auch am rechten Handgelenk. Die Nervenärztin hat dann die Nerven durchgemessen und keine Probleme festgestellt, aber ich sollte die Hände möglichst lange schonen (mindestens 3 Monate!!!).

    Der Orthopäde wollte ja sofort beide Handgelenke operieren, aber mir war das nicht so recht. Dann kamen auch ungewöhnliche „Schmerzen/Unbefindlichkeiten/Bewegungsstörungen“ an den Fußgelenken dazu und ich kam mir schon vor wie Jesus (Herzschmerz habe ich ja sowieso immer ;-).

    Eine Ärztin für Homöopathie diagnostizierte über die Schmerzbahnen dann Probleme mit Leber, Galle, Niere oder so und behandelte mich darauf. Nach einigen Akkupunktur-Sitzungen ließen die Probleme nach und sind nun beherrschbar geworden, wenn auch nicht weg. Dennoch zeigt es mir, wie wichtig es ist, nicht nur das Symptom zu beachten, sondern nach den möglichen Ursachen ganzheitlicher zu suchen.

    Ich bin sooooooooo froh, es bisher ohne aufgeschnittene Handgelenke geschafft zu haben!!!

    1. Hey Fox,
      Danke dass du deine Erfahrungen mit uns teilst. Die Option mir die Handgelenke aufzuschneiden wurde mir auch nahegelegt, natürlich von einem Chirurgen. Dem wollte ich unbedingt entgehen und habe einen alternativen Weg ausprobiert. Ich bin sehr froh darüber.
      Mir das Handgelenk aufschneiden lassen… Ich will mir ja nicht anmaßen zu behaupten, dass das nicht helfen kann. Es fühlt sich nur so falsch für mich an.

  4. Hi,ich spiele seit gut vierzig Jahren Bass und habe mir im laufe der Jahre eine für mich optimale Haltung des Instruments angewöhnt. Ungefähr in Höhe des Bauchs fast waagerecht und eigentlich “ uncool “ dafür aber sehr enspannt. Ich will ja nicht posen sondern Musik machen

    1. Ja genau Christoph,

      manchen ist die Show wiederum wichtiger als die effizienteste Haltung. Das finde ich dann zwar schön fürs Publikum, weil ein tiefer Bass ja mehr her macht.
      Der eigenen Entwicklung (und Gesundheit) ist es aber eher abträglich.

      Schöne Grüße,
      Denis

  5. hey denis,

    so eine ähnliche Erfahrung musste ich leider auch machen. Habe Kontrabass und E-Bass studiert und war lange Zeit im Musical- und Tourbereich tätig. Das viele spielen und wenig schonen führte bei mir zu einer starken Verspannung der Rückenmuskulatur – was wiederum zu einer Verforumung der Halswirbelsäule führte. Dabei strahlten die Schmerzen in Hände und Beine – Taubheit der Gliedmaßen, Schwindel und laute Ohrgeräusche waren die Folge.
    Dabei war weniger die falsche Haltung, sondern mehr der Stress und die einseitige Belastung schuld.

    Kann dir da nur voll zustimmen: sich ich fit halten, gesund ernähren, Entspannung und Yoga haben mich gerettet 🙂

    Viele Grüße

    1. Hi Stefan,

      vielen Dank fürs Teilen deiner Erfahrung! Wir sind nunmal eben keine Maschinen. Der Bass ist nicht wirklich „ergonomisch“, sondern tendenziell eher ungesund. Daher ist ein Ausgleich unerlässlich. Super, dass du da deinen Weg gefunden hast. Dass er gesunde Ernährung und Yoga mit einschließt, wundert mich dabei garnicht 🙂

      Schöne Grüße,
      Denis

  6. Ich hab die Schmerzen in der linken Hand gerade ganz akut. Seit drei Tagen und drei Tage vor einem Wochenende mit zwei Gigs. Da muss ich jetzt erst mal durch. Vorher zum Doc zu gehen schaffe ich nicht mehr, hab mir erst mal ibu 400, Voltaren forte Salbe und ne Bandage besorgt. Und nach den Gigs sehen wir weiter 🙁

    1. Hey Christine,

      Da hast du dir in der Zielgeraden quasi die Verletzung geholt…
      Mein Tipp ist, so wenig wie möglich zu spielen. Wen, dann nur nach Minimalprinzip, ohne Fingerakrobatik und auf die gemütlichste und entspannteste Art, die möglich ist. Nichts erzwingen, eher mal gut sein lassen.

      Gute Besserung,
      Denis

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