Die 10 % Regel – wie du sicherstellst, dass dein Üben effektiv bleibt

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Frank Mellies. Der dreifache Buchautor beschäftigt sich mit den Grundbedingungen von perfektem Timing und einem mitreißenden Groove. Er betreibt die Seite groove-coach.de, auf der er dir zeigt, wie du dein Timinggefühl und deinen Groove verbesserst.

Spaß am Üben hat derjenige, der seine Aufgaben erfolgreich meistern kann, also effektiv und erfolgreich übt, und dadurch spürt, wie er am Instrument wächst. Aber sehen wir den Tatsachen ins Auge: Viele, viele Musiker verschwenden ihre wertvolle Übezeit indem sie uneffektiv üben. Dafür gibt es viele mögliche Gründe:

  • Sie wissen schlicht nicht genau was sie üben wollen, – die Aufgabe ist unklar
  • Sie üben zu unkonzentriert, bleiben nicht lange genug bei einem Thema, – die Aufgabe wechselt zu schnell. Auch das ist ein Folge von unklarer Aufgabenstellung.
  • Sie haben zu hoch gesteckte Ziele, also üben Dinge, für die sie schlicht die Voraussetzungen noch nicht erfüllen, – die Aufgabe ist zu groß.
  • Sie verwechseln „Spielen“ mit „Üben“, – da ist gar keine Aufgabe.

Beim Üben geht es immer darum, eine bestimmte Aufgabe zu meistern. Diese Aufgabe sollte so beschaffen sein, dass der Schüler gefordert ist, aber nicht unterfordert, (langweilig) und schon gar nicht überfordert ist. (nicht erfolgreich, frustrierend) Die Kunst ist es, genau diesen Bereich zu treffen.

Ich habe für mich (und mittlerweile auch für meine Schüler) eine einfache Regel gefunden, die genau das ermöglicht:

Die 10 % Regel:

„Wenn ich beim Üben einer bestimmten Sache, eine Fehlerquote erreiche, die über 10% liegt, so komme ich in den nicht effektiven Bereich und muss etwas unternehmen.“

Bevor ich dieses „etwas unternehmen“ bespreche noch etwas Lernpsychologie:

Dein Gehirn lernt erstens durch Wiederholungen. Das gilt für Vokabeln wie für Bewegungsabläufe. Die Qualität dieser Wiederholungen sollte so hoch wie möglich sein, denn: die Fehler lernst du ja mit und verlangsamst so den Lernprozeß. Andererseits braucht dein Gehirn den Reiz des neuen, ungewohnten. Nur so kommt es in Fahrt und bildet neue Synapsen.

Dein Gehirn ist in der Lage vieles Gelernte zu verknüpfen. Aber lernen kann es immer nur eines gleichzeitig. Es macht keinen Sinn eine Etüde als ganzes zu lernen, die du weder harmonisch verstehst noch technisch bewältigen kannst.

Außerdem: Ziel ist es, deine Bewegungsabläufe oder Fähigkeiten im Unterbewusstsein zu verankern. Oder auch „Bewegungsgedächtnis“, oder, etwas unlogisch, „Muskelgedächtnis“. Intuitiv spielen ist das Ziel. Intuitiv lernen ist aber Mist, (es sei denn du hast viel Zeit). Denn: Der schnellste Weg ins Unbewusste geht über das Bewusstsein! Also über bewusst gemachte, erlebte, gefühlte Erfahrungen. Die Intuition nutzt diese Erfahrungen. Ohne Erfahrungen hast du auch keine Intuition. Oder jedenfalls keine, die dir hilft.

Was also kannst du also unternehmen, wenn deine Fehlerquote die 10% übersteigt?

Vier Möglichkeiten:

  • Konzentration steigern
  • Tempo verlangsamen
  • Komplexität verringern
  • Dichte verringern

Konzentration steigern

Um konzentriert üben zu können musst du erstens: Ablenkung vermeiden, und, zweitens: Das zu übende wirklich klar definieren. Also: Handy aus, Tür zu. Stelle sicher, dass du in deiner Übezeit ungestört bist.

Dann überlege, bevor du anfängst: Was genau übst du jetzt? Hast du ein Buch? Aufgaben vom Lehrer? Eigene Aufgaben? Weist du worum es bei dieser Aufgabe eigentlich geht? Klar, das stehen Noten, die sollst du spielen. Aber worin genau besteht die Hürde, die du nehmen musst? Harmonie? Rhythmus? Technik? Alles zusammen?

Konzentration ist per Definition das Sammeln deiner Aufmerksamkeit auf einen Punkt. (lateinisch: concentra, „zusammen zum Mittelpunkt“). Wenn dein Geist nicht genau weiß worauf er sich richten soll, ist Konzentration gar nicht möglich.

Überlege also: Was genau, ist die Aufgabe?

Die folgenden drei Tipps werden dir helfen, diese Aufgabe, diesen Kristallisationspunkt deiner Konzentration weiter freizulegen, damit deine Aufmerksamkeit sich auf ihn richten kann.

Tempo verlangsamen

Jede Übung enthält ein oder mehrere Elemente, die ungewohnt und neu sind. Dein Gehirn bearbeitet also neue Impulse. Bei hohem Tempo kommen diese Impulse zu schnell aufeinander um noch sauber verarbeitet zu werden. Was du nicht bewusst verfolgen kannst, ist zu schnell. Es ist wie wenn du in einem schnellen Auto sitzt: Was draußen vorbeizieht ist nur noch wischiwaschi. Also: laaaangsaam spielen. Das ist oft unangenehm, weil dann auffällt, wie schlecht du oft kennst was du da spielst. Und wie unscharf deine Vorstellung in Wirklichkeit ist. Manches musst du tatsächlich ganz neu lernen. Aber du lernst es eben nicht neu, sondern eigentlich zum ersten mal richtig.

Wie langsam musst du also werden?: So langsam, dass du alles ganz bewusst, in so vielen Einzelheiten, wie möglich verfolgen kannst.

Zugegeben: Wenn eine Übung, oder ein bestimmtes Musikstück wirklich viel zu schwer ist, dann hilft auch diese Methode nicht. Aber: wir haben ja noch weitere Asse im Ärmel:

Komplexität verringern

Auch wenn wir das Tempo noch so stark verringern, so passieren immer noch viele Dinge gleichzeitig. Musik machen ist nun mal sehr komplex. Die physikalischen, mathematischen, motorischen, sensorischen, emotionalen Vorgänge zu beschreiben, die alle gleichzeitig und auf Grundlage unendlich vieler „Gesetze“ geschehen, dürfte viele Bücher füllen. Wie also kann ich diese Komplexität beim Üben verringern?

Das Geheimnis liegt in der „tatsächlichen“, versus der „gefühlten“ Komplexität. Laufen oder sprechen sind „tatsächlich“ sehr komplexe Vorgänge. Die „gefühlte“ Komplexität dagegen ist bei allen Menschen, von körperlich bedingten Ausnahmen abgesehen, sehr gering. Wir können es einfach. Intuitiv. Wir können sogar beides kombinieren und beim Laufen sprechen. Wir sind also in der Lage zwei und mehr

Fähigkeiten, die wir intuitiv beherrschen, miteinander zu kombinieren.

Du überlegst also: Was sind die Fähigkeiten, die ich in dieser Übung brauche? Diese übst du erst mal einzeln.

Ein Beispiel: Nehmen wir an du übst eine ziemlich schnelle Solo-Passage aus einem bestimmten Stück.

Kennst du das benutze Tonmaterial genau? (welche Tonart, welche Scala? Hast du die drauf?)

Was sind die genauen Bewegungen deiner Gliedmaßen? Bist du technisch in der Lage diese flüssig abzuspulen? Bei Saiteninstrumenten: Was genau macht die Schlaghand, was genau die Greifhand? Tasteninstrumente: evtl. begleitest du dein Solo harmonisch mit der linken Hand. Weiß die wirklich genau was sie tut? Kennst du genau die harmonischen Zusammenhänge? Bei Schlaginstrumenten: Hast du eine Idee, welche Rudiments oder Koordinationspattern zugrunde liegen?

Dies sind alles nur Beispiele, ich weiß ja nicht, woran du gerade arbeitest. Die Idee ist jedenfalls daß du das zu Übende in seine Einzelteile zu zerlegst und diese zunächst separat übend ins Unterbewusste beförderst. Und zwar gründlich. Dann musst du „nur noch“ das gelernte Kombinieren.

Dichte verringern mit „leeren Vierteln“

Das ist jetzt nicht leicht zu erklären. Ich versuche es trotzdem:

Nehmen wir an du hast dein Solo auseinandergenommen und übst gerade ein winziges Stück daraus, das gerade mal 4 Töne mit recht ungemütlicher Fingerstellung beinhaltet. – am Schlagzeug vielleicht ein ungemütliches Sticking oder Orchestrierung.

Noch immer kann die ungewohnte Bewegung noch so dicht aufeinander folgen, daß du nicht nachkommst, und deine Fehler Quote zu hoch, also über 10% liegt.

Du kannst diese Dichte verringern, indem du „leere viertel“ einbaust:

Deine vier Töne sind das zu übende „Ereignis“. Diese sind beispielsweise vier sechszehntel Noten, beginnend auf der Zählzeit „Eins“. Du startest also dein Metronom, schön langsam, dass du jeden der vier Töne auch sauber spielen kannst. Auf den ersten Klick, Zählzeit „Eins“, spielst du deine vier Töne, das Ereignis.

Auf „Zwei“ spielst nichts. Auf „Drei“ und „Vier“ auch nichts. Der Klick läuft aber weiter, dass du im Fluss bleibst. Auf der nächsten „Eins“ wieder dein Ereignis.

Auf diese weise kannst du, während der drei leeren viertel, die Qualität des Ereignisses in der Rückschau beurteilen und dich außerdem innerlich auf das nächste Ereignis gut vorbereiten. Du bist also mit vollem Bewusstsein dabei, nichts entgeht dir mehr. Wenn die Aufgabe so eingegrenzt ist, kannst du auch deinen Focus wandern lassen: Auf den Bewegungsablauf der rechten Hand, der linken Hand, auf die rhythmische Genauigkeit, auf die Qualität der Töne… Merke: Je mehr du ganz bewusst verfolgen, „erleben“ kannst, desto schneller sinkt es in tiefere Schichten des Unterbewussten.

Wenn du mehr Zeit zwischen den Ereignissen brauchst, baust du mehr leere Viertel ein. Wenn du merkst, das klappt gut (Fehlerquote Richtung 0%) kannst du die Dichte wieder erhöhen, indem du leere viertel wieder streichst. Das Ereignis folgt dann in größerer Dichte aufeinander. Wenn das gut läuft, nimmst du weitere Ereignisse auf, oder erhöhst das Tempo oder, oder….und siehst was passiert.

Möglicherweise musst du auch wieder zurückrudern und Dichte, Komplexität oder Tempo raus nehmen. Es ist ein ständiges austarieren…. Die Verantwortung dafür trägst nur du.

Zusammenfassung

Möglicherweise führt das alles dazu, dass du merkst, welche theoretischen und technischen Grundlagen dir noch fehlen. Unangenehm, aber so ist das nun mal: Häuser werden immer von unten nach oben gebaut. Was ist die Vorrausetzung für das 35te Stockwerk? Genau: Die 34 Stockwerke darunter.

Aber, und jetzt kommen die wirklich guten Nachrichten:

mit diesen vier Tricks: Konzentration steigern, Tempo, Komplexität und Dichte verringern, hast du die Tools in der Hand das Anforderungslevel deiner Übungen selbstverantwortlich so zu variieren, dass du immer effektiv übst.

Du übst immer mit vollem Bewusstsein, bist gefordert, aber nicht über oder unterfordert. So arbeitet dein Gehirn am liebsten.

Die Auseinandersetzung mit Komplexität und Dichte ermöglichen Dir, dich mit deinem Material wirklich auseinanderzusetzen, es besser kennenzulernen und konkret an den Knackpunkten zu arbeiten. Du übst also nicht mehr ahnungslos ins Blaue.

Weitere, angenehme Nebeneffekte dieser Methode sind, dass du kreativer, selbstständiger übst und außerdem beim Üben viel konzentrierter bist. – Der konzentrierte Geist langweilt sich nicht. Das alles erhöht den Erfolg, die Befriedigung und Freude am Üben enorm.

In diesem Sinne: Viel Spaß noch!

portrait-frank-melliesFrank Mellies ist der Autor und Entwickler vom Inner Pulse Trainer System. Wenn du mehr über Franks Arbeit erfahren willst, gehe auf groove-coach.de. Dort kannst du lernen, wie du dein Timinggefühl und deinen Groove verbesserst

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  • wie du immer ganz genau weißt, was du üben musst, statt „einfach irgendwas“ zu spielen
  • wie du dranbleibst, auch wenn du keine Motivation hast
  • wie du konkret spürbar weiterkommst, jedes Mal, wenn du übst
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+ Extra: Die konkreten Tools und Apps, die ich selbst benutze um so effektiv wie möglich zu üben

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